ein Tausendsassa - mit eigenem Charakter
Es gibt kaum Erkrankungen, die nicht mit dem Autogenen Training behandelt und beforscht wurden. Auch wenn das Autogene Training kein Allheilmittel ist, lassen sich mit ihm in der Behandlung zahlreicher chronischer Erkrankungen viele Medikamente einsparen.
Von daher ist es bemerkenswert, dass das Autogene Training aus den neurologischen, internistischen und hausärztlichen Praxen inzwischen so gut wie verschwunden ist. Auch wenn es ein schulmedizinisches Verfahren ist, ereilte ihm das selbe Schicksal, wie vielen Verfahren der Naturheilkunde. Das Autogene Training musste dem Fortschritt letztlich weichen, der auf Spezialisierung und Medikation setzt.
Es sind nicht nur die so genannten funktionellen Störungen und die psychosomatischen Krankheiten (Blutdruckerkrankungen, Blutzuckerkrankheiten, Herz-Kreislauf-Krankheiten), in denen das Autogene seine Wirksamkeit nachgewiesen hat. Die Anwendungsmöglichkeiten des Autogenen Trainings gehen deutlich darüber hinaus.
Im Bereich der Seelenbehandlung sind es u.a. auch die neurotischen Erkrankungen, Angststörungen, Depressionen und Traumata und die so genannten Frühstörungen, wofür es einst ja auch entwickelt wurde.
Das Autogene Training ist ein Tausendsassa. Als „Alleskönner“ aber leider auch belächelt. Klar ist, dass es viel mehr ist, als ein Entspannungsverfahren. Warum man sich dennoch darauf geeinigt hat, es als Entspannungsverfahren zu betiteln, sagt wohl mehr über unser Gesundheitswesen und über die Kraft des Gesundheitsmarktes in unserer Kultur aus, als über die Eigenschaften des Autogenen Trainings.
Es wäre genauso möglich gewesen, es als Verfahren der Angsttherapie zuzuordnen. Man könnte es aber auch als Traumaverfahren, wie als Körpertherapie bezeichnen. Das Autogene Training ist ein Meditationsverfahren. Auch eine Achtsamkeitsmethode. Als eine Methode zur Erhöhung des Leistungspotenzials, der Konzentrationsfähigkeit, ist es eben auch ein Konzentrationstraining. Das Autogene Training ist eine Methode zur Stressbehandlung und ebenso gut geeignet zur Schmerzbehandlung. Als Verfahren der „psychosomatischen Grundversorgung“, oder als „Basispsychotherapeutikum“ ist es ebenfalls bekannt. Es ist ein bionomes Verfahren, das den Gesetzen der Natur folgt. Und zur Präventionsbehandlung zahlreicher Krankheiten, hätte man es ebenso gut zu den Präventionsverfahren zählen können.
Obwohl es ein Tausendsassa ist, hat das Autogene Training einen ganz besonderen, einen eigenständigen Charakter. Es unterscheidet sich von den suggestiven Psychotherapieverfahren (wie z.B. der Hypnose), in dem es sich in seiner Grund- und Oberstufe der Suggestion lediglich zur organismischen Umschaltung bedient. Streng genommen ist es damit kein Suggestionsverfahren.
Als Selbstbehandlungsmethode unterscheidet es sich ohnehin grundsätzlich von den üblichen psychotherapeutischen Techniken, weil es auf den direkten Einfluss eines Therapeuten verzichtet. Es verzichtet generell auf äußere Beeinflussung, nutzt keine Tonträger oder andere Hilfsmittel. Ebenso wie die psychoanalytisch begründeten Verfahren ist auch das Autogene Training ein öffnendes Psychotherapieverfahren und dient nicht hauptsächlich der Beruhigung, auch wenn dies ein Ergebnis des autogenen Übens sein kann. Die autogene Meditation unterscheidet sich von den „östlichen Meditationen“, weil es die Verankerung im Körperlichen betreibt, die Körper-Selbst-Beseelung. Und anders als in vielen Formen des Yoga, Tai Chi, der Progressiven Muskelrelaxation, der konzentrativen Bewegungstherapie, in deren Zusammenhang das Autogene Training oft genannt wird, verzichtet es auf jede willentliche Bewegung.
Dass es wohl das einzige psychotherapeutische Verfahren ist, das nicht auf einer Philosophie fußt, erleichtert zudem vieles.